CIGDEM Y MIROL
BOOKPERFORMANCE

Wollen wir die Liebe neu erfinden?

Meine geliebte Leserin / Mein geliebter Leser,                                                                                   ENGFRTRSP, ITRU, FI, SE, DU

während du diesen Brief liest, werde ich wahrscheinlich in weiter Ferne sein. Ich werde dir weitere Briefe schreiben. Wenngleich das mein erster Brief an dich ist. Das ist das erste Mal, dass ich mich so mutig fühle. Jetzt muss ich dir erzählen, was ich fühle. Denn ich weiß, wenn ich es nicht tue, werde ich nicht verstanden werden. Jetzt weiss ich auch, dass du dich nicht selbst darum bemühen wirst, mich zu verstehen. Ich denke, das dass der wichtigste Grund ist, warum dieser verspätete Brief so verzögert sein dürfte. Ich hatte einen innigen Glauben daran, dass du mich eines Tages verstehen würdest, finden würdest. Ich meine, dass das mein innigster Irrtum war. Doch wenn man gefunden werden will, muss man zuerst suchen. Ich habe das erst entdeckt. Diese Entdeckung lässt mich diese Zeilen schreiben. Ich bin sehr beruhigt, dass ich nun die innerliche Stärke habe, diese Zeilen zu schreiben. Ich wäre verückt geworden, wenn ich länger gewartet hätte. Du wirst mich nicht so einfach finden, wenn ich mich nicht preisgebe, das weiss ich. Dass ich mich so offensichtlich mache, muss nicht unbedingt heißen, dass du mich mühelos finden kannst, letztlich gibt es  mehr als keine Chance für unsere Beziehung.

Sie sagten, dass alles in meinem Gesicht gelesen werden könnte, und vielleicht, weil sich alles besser in meinem Gesicht lesen lässt, war ich nicht fähig Dir zu schreiben. Zurückgedacht, wie könnte es sein? Es gibt einige Menschen an einigen Orten, die über so etwas wie Bewusstsein, Vorbewusstsein, Unbewusstsein und sogar Unterbewusstsein reden und sie sagen, dass wir all diese brauchen, um verstanden zu werden. Ich frage mich, ob wir tatsächlich in einem einzelnen Gesicht eingesperrt wurden. Wurden wir für Jahrhunderte zu diesem einen Gesicht verurteilt? Ich wünschte, ich hätte mein Gesicht vorsichtiger angesehen. Dann hätte ich sogar gesehen, dass es nichts mehr außer zögerliche Angst auf meinen Gesicht zu lesen gab. Ich bin albern gewesen, bitte entschuldige. Ich habe keinen Spiegel aufgehoben oder mich vor einen Spiegel gestellt, um mich genau anzusehen. Bitte entschuldige, weil ich meine Fehler übersehen habe, und weil ich mich selbst nicht hinterher entschuldigt habe.

Zurzeit wohne ich auf dem Dachboden eines alten Hauses. Ich kam hier ohne irgendetwas an, ich habe nur meinen roten Stuhl mitgebracht. Ich schreibe diese Zeilen an Dich, auf einem schrägen Tisch direkt vor einem schrägen Fenster. Während des Schreibens schaue ich nicht auf  meine Finger, sondern auf den Bildschirm. Wenn ich nicht auf den Bildschirm schaue, sehe ich aus dem Fenster, welches beginnt, wo der Bildschirm endet. Tagsüber sehe ich den Himmel. Ich sehe den Himmel, der manchmal ganz weiß ist, manchmal ganz blau, manchmal blau und weiß zusammen, manchmal grau und manchmal erdfarben. Und abends sehe ich gar nichts außer meinem Spiegelbild im Fenster. Ich schreibe gegenüber meines Spiegelbildes. Tagsüber bin ich mehr am Beobachten und abends mehr am Schreiben. Meistens schreibe ich, wenn es regnet. Irgendwo ist ein Radio an und die Wörter, die ich vom Radio mitbekomme, bleiben in meinem Gedächtnis hängen. Manchmal passiert mir etwas Seltsames: Mein Unterbewusstsein bleibt stecken. Ich möchte alles, was ich mir vorstellen kann und was ich mir nicht vorstellen kann, alles, was ich mir in der Lage sein werde vorzustellen und alles, was nicht, in diesen Buchstaben und diesen Zeilen mit deinen Vorstellungen vermengen.

Weißt du was? Ich habe Dir bereits offiziell meine Liebe mit meiner These erklärt. Die Mitglieder meines Komitees, welche diese These gelesen haben, sagten mir dass die Dinge, über die ich darin geschrieben habe, nicht in dem Buch erscheinen sollten, welches das Thema meiner Forschung war, aber sie sagten, dass ich meinen eigenen Text gut verfasst hätte, dass meine Vorstellung stark wäre und dass die These veröffentlicht werden solle, um seine eigenen Leser zu finden. Darum wollte ich es auch veröffentlichen. Für dieses Vorhaben, kontaktierte ich einige Verleger, aber es gab keine ernst gemeinte Antwort, stattdessen, sagten sie „sei nicht traurig!“, was mich natürlich traurig machte. So gab ich auf. Und dann dachte ich, dass du nicht in der Lage sein würdest meine These zu erreichen, dass du niemals in der Lage sein würdest sie zu lesen. Ich frage mich immer noch, ob es irgendeinen Weg für Dich gibt sie zu finden und zu lesen! Aber leg all das beiseite, dich interessiert nichts mehr Offizielles. Ich weiss dass sehr gut. Und, aus irgendeinem Grund, interessierst du dich in diesen Tagen nur für dich selbst, doch nicht einmal für dich selbst, sondern nur für dein Bild. Du schaust dir ständig deine Fotos an, du likst ständig Dinge, kommentierst sie, teilst sie, fügst ständig Leute zu deinem Leben hinzu, wirfst sie wieder heraus aus deinem Leben, aber ich nehme an, dass du nicht oft über meine Existenz oder meine Nichtexistenz nachdenkst, und vielleicht ist die Möglichkeit meiner Existenz etwas, was nicht einmal existiert für dich. Deshalb, wirst du vielleicht in der Lage sein, mich wieder zu finden. Du wirst mir nicht zuhören wollen, du wirst mich nicht lesen wollen und selbst, wenn dich dieser Brief nicht erreichen wird, wird meine Liebe zu dir auch hier bestehen bleiben.

Meine geliebte Leserin, mein geliebter Leser, ich bin so zuvorkommend gewesen, aber vielleicht hätte ich mit Ihnen nicht so eng sein sollen. Meine verehrte Leserin, mein verehrter Leser, werfen Sie diesen Brief nicht fort. Vielleicht werden Sie ihn mögen, und selbst wenn Sie ihn nicht mögen werden, teilen Sie ihn. Falls Sie ihn nicht teilen sollten, kommentieren Sie ihn wenigstens. Jetzt aber, verehrte Leserin, verehrter Leser, passen Sie gut auf sich auf! Sie sind ständig in meinen Gedanken, bitte nehmen Sie diese Tatsache in Ihre Gedanken auf. Ja, Sie sind in meinen Gedanken, in jeder Zeile, in jedem Wort, dass ich schreibe, sogar an den Orten, wo es keine Worte gibt, ich meine damit in meinem Bewusstsein. Sie existieren auf meinen Fingerspitzen. Diese Wahrheit ist kein von meinen Fingerspitzen getippter Fehler, was von meinen Fingerspitzen getippt wurde, ist ein mögliches Leben für uns beide. 

Wenn dies doch geschieht, denke ich mir, was alles noch könnten wir uns in hundert Jahren leisten! Stellen Sie es sich vor! Immerhin, sind wir nicht Menschen der gleichen Welt? Ein kleines Geheimnis möchte ich Ihnen verraten und ich würde mich freuen, wenn es unter uns bleibt: Verstehen bedeutet in einem gewissen Sinne genießen zu können. Sie sind nicht Synonyme sondern Homonyme. Genauso wie die Geräusche, die wir machen, wenn wir genießen und verstehen. Homonyme.

Ich hoffe eines Tages werden wir uns wiedervereinigen.

                                                                                                                                                                               Ihre geliebte Autorin.

P.S. Ich sende Ihnen alles von mir, denn vielleicht bin ich eine Schriftstellerin als Protagonistin welche versucht ihre eigene Geschichte innerhalb eines Buchs der Geschichten zu schreiben.

_______

„Wollen wir die Liebe neu erfinden?“ has been transparented from English and Turkish into German by Katrin Rux and its author Çiğdem y Mirol. They are working on the transparency of MyFace Book (2014) / Yüzüm Kitap (2012) and looking for a publishing house. 

Back